Von der reinen Absicht, Gutes zu tun

Worin sich die Mitglieder der Pferdewelt heutzutage unterscheiden, ist manchmal schwer zu erfassen. Schließlich schreiben viele Ausbilder auf ihren Flyer, dass sie fein kommunizieren. Viele Therapeuten werben mit ganzheitlicher Betreuung des Pferdes. Viele Stallbetreiber versprechen artgerechte Haltung. Manchmal verliert sich der ganz normale Pferdebesitzer in der Vielfalt des Angebots, lässt das Pferd von Stall zu Stall wechseln, von verschiedensten Tierheilpraktikern, Hufpflegern oder Physiotherapeuten behandeln und hüpft von Trainer zu Trainer. Auf den wirklich grünen Zweig kommt er meist erst, wenn er an dem Ort und bei den Dienstleistern angekommen ist, die dem Pferd und dem Menschen gegenüber eine ganz reine Absicht verfolgen: Ihnen Gutes zu tun.

Ab und an ist das Handeln von Menschen, die am Pferd agieren, allerdings unterschwellig von anderen Intentionen bedingt. Dies geschieht häufig sogar unbewusst. Keiner von uns ist fehlerfrei. Jeder hat seine wunden Punkte und seine ureigenen Themen, die er nicht oder nur ungern bearbeitet haben möchte. Dennoch, und da bin ich vielleicht sehr streng, dürfen diese persönlichen Probleme unter keinen Umständen am Pferd kompensiert werden. Es mag sein, dass es die Angst vor finanzieller Not und damit die Absicht, Geld zu machen, ist, die das Handeln beeinflusst. Es mag sein, dass es der Drang ist, zu beeinflussen oder zu manipulieren, weil man selbst zu viel beeinflusst und manipuliert wurde. Es mag sein, dass es die Absicht ist, sich selbst zu profilieren und die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, anstatt den Gegenüber tatsächlich in seiner eigenen Entwicklung unterstützen zu wollen. Solche und ähnliche Ansätze gilt es herauszufiltern. Nur woran erkennt man gute Absichten?

Hör‘ auf die Stimme

Wieder einmal ist es unsere innere Stimme, die an sich ganz verlässlich den Hinweis gibt, an dem wir uns orientieren können. Häufig wird einem im Nachgang klar, dass bereits zuvor ein vages Gefühl des Zweifels an einer Zusammenarbeit bestand. Diesem darf man gerne folgen, dazu ist es da. Es ist in meinen Augen die Zuständigkeit eines jeden Pferdebesitzers, das eigene Tier und sich selbst davor zu beschützen, zum Versuchskaninchen Anderer zu werden. Auch wenn man nicht weiß, wen man ansonsten zu Rate ziehen sollte, ist es manchmal sinnvoller, eine Interaktion zu vermeiden, anstatt eine Interaktion mit zweifelhafter Absicht am Pferd zu erlauben. Gleichsam bedeutet dies nicht, möglichst misstrauisch zu sein, sondern schlicht und ergreifend wachsam zu prüfen, wessen Einflussnahme auf das eigene Pferd diesem tatsächlich gut tut. Jene, die dem Pferd auf ehrliche Weise Gutes tun wollen, wissen, sich zu reflektieren. Sie wissen, dass ein umfangreiches Wissen, ein großer Erfahrungsschatz und kontinuierliche, exzellente Fortbildung nötig sind, um bestmöglich im Sinne des Pferdes zu helfen.

Hör‘ auf dein Pferd

Abgesehen davon, dass das eigene Bauchgefühl erhört werden könnte, ist es ein Muss, die Reaktionen des Pferdes auf den Gegenüber zu beobachten. Ob nun Tierarzt, Trainer, Sattler oder Stallbetreiber – das Tier spürt jede fragliche Intention, noch bevor eine ihr entsprechende Handlung erfolgt. Häufig kommt es dadurch gar nicht erst zur Zusammenarbeit oder diese wird entsprechend wenig erfolgreich. Was einem dann allerdings an fraglichen Absichten der Dienstleister rund ums Pferd auffällt, empfiehlt sich auch gerne zwischendurch einmal an sich selbst zu prüfen. Ebenso wie andere haben wir selbst möglicherweise unbearbeitete Bereiche, die unbewusst unser Handeln bestimmen. Es hat bisher, so schätze ich, noch keinem Pferd geschadet, dass sein menschlicher Gegenpart sich für 30 Minuten in sein stilles Kämmerlein zurückzog, um über die eigene Unzulänglichkeit zu reflektieren und danach in seiner Stärke und mit reiner Absicht zum Partner Pferd zurückzukehren und entsprechend Gutes zu tun.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Niemand von uns kann mit klaren Sinneseindrücken belegen, mit welchen Absichten die Menschen in ihrer gesamten Menschheitsgeschichte mit Pferden kommunizierten. Wir wissen nicht, wie die Reiter unter Xenophon’s Kommando sich im Sattel fühlten oder wie eng sie emotional mit den Pferden verbunden waren, auf denen sie saßen. Wir wissen nicht, wie die Stimmung in den Reithäusern zu Zeiten Pluvinel‘s oder Newcastle’s war, ob die Tiere wirklich individuell behandelt wurden oder ob man dem Zweck zu Liebe über ihre Grenzen ging. Wir wissen nicht, welche persönlichen Themen in den Köpfen der besten Reiter des vergangenen Jahrhunderts umherschwirrten und ob sie ihr Handeln am Pferd ungerecht beeinflussten. Wir haben Zugang zu wertvoller Literatur und zu aussagekräftiger Kunst, die uns gewisse Aspekte erahnen lässt. Aber kennengelernt haben wir keinen der Reiter vor unserer Zeit. Wir können keine Aussage treffen über seine wahre, ureigene Absicht dem Pferd gegenüber. Schlussendlich wissen wir nur, wie wir uns heute im Umgang mit unserem Pferd fühlen, wie viel Mühe wir in unsere Aus- und Fortbildung legen und auf welche Weise wir die Pferdewelt bereichern wollen.

Und damit zeigt sich noch einmal die Kraft, die wir jeden Tag inne haben: Wir sind dazu in der Lage, ob nun als Pferdebesitzer, Ausbilder für Mensch und Pferd oder in jeder anderen Funktion, heute Gutes für diejenigen zu tun, mit denen wir in Verbindung stehen. Was für eine schöne Absicht! Viel Spaß dabei! Habt einen schönen Tag voller ehrlicher Intentionen!

Von Herzen alles Liebe, Janna

Bildrechte: Andreas Thomsen

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