Von der Angst, loszulassen

 

Vielleicht ist dies einer dieser Texte, die man immer mal wieder liest und dabei das Gelesene jedes Mal auf eine neue Art und Weise versteht. Loslassen, freigeben, verändern – jeder der Begriffe beschreibt etwas sehr Persönliches. Ein jeder Leser wird sich wahrscheinlich anders darin wiederfinden. Wenn man Abschied nimmt von etwas oder jemandem, dann fühlt es sich manchmal an, als nähme man auch Abschied von einem Stück seines Selbst. Schließlich verband einander eine Zeit lang etwas Einzigartiges. Es bestand eine Verbindung, wie sie nur zwischen diesen beiden Wesen oder diesen beiden Menschen bestehen konnte, aufrechterhalten durch beiderseitige Motivation dazu. Ansonsten wäre sie, die feine Verbindung, schon eher verschwunden. Es entstanden Empfindungen, wie sie nur zwischen jenen beiden Partnern hätten entstehen können. Es wurden durch den Gegenüber Facetten aneinander ans Licht gebracht, von denen man gar nicht wusste, dass man sie besaß.

Ist nun der Zeitpunkt gekommen, dass beide Seiten sich auseinander zu entwickeln scheinen, oder aber, dass sie durch das Leben voneinander getrennt werden, keimt in der Konsequenz häufig ein mulmiges Gefühl in der Gegend des Herzens auf. Bei einigen Verbindungen ist dies so stark, dass Menschen es als Herzschmerz beschreiben. Es mag sie manchmal sogar dazu veranlassen, in Rage zu geraten oder bitterlich zu weinen. Eigentlich ist dies etwas ganz Normales, nur in der unsrigen emotional so gedämpften Kultur scheint es immer gleich ein Hingucker zu sein. Um was weint man in dem Moment? Oder worin begründet sich die Wut?

Zwei Hälften vom Ganzen

Möglicherweise weint man, um die Synergie, die die Verbindung erzeugte. Dieses fantastische Gefühl, sich gegenseitig in seinem Tun zu beflügeln, einander gegenseitig immer wieder auf den nächsten Level zu helfen oder schlichtweg ohne Worte der Rechtfertigung verstanden zu sein. Die Befürchtung, dass jene gemeinsamen Momente, die eine unnachahmliche Ruhe in beiden Parteien aufkommen ließen, nicht mehr wiederkehren, öffnet tiefen Ängsten Tür und Tor. Gut gemeinte Ratschläge wie „Menschen kommen und gehen“, „Irgendwann werdet Ihr wieder vereint sein“, „Da draußen wartet noch der Richtige auf dich“ oder „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ können in diesen Momenten nur schwerlich als passend empfunden werden. Man empfindet sie als Ausverkauf dessen, was war.

Und eben diese Erkenntnis ist wertvoll. Zu erkennen, dass es nicht in der eigenen Natur liegt, Verbindungen kaltschnäuzig abreißen zu lassen, die Verarbeitung dessen zu unterdrücken und unbeeindruckt weiterzuziehen, ist ein Schlüssel zu einem gesunden Trennungsprozess. Zu erkennen, dass es nötig sein kann, sich voneinander zu trennen, ist von existenzieller Bedeutung für den Fortbestand einer positiven Verbindung, ohne Ego, ohne Groll, ohne Zorn. Zu erkennen, dass letzten Endes der eigene Weg immer wieder dahin führen wird, dass man sich mit sich selbst am meisten auseinandersetzt, anstatt mit Anderen, ist unheimlich heilsam.

„Loslassen“ ist nicht gleich „wegschmeißen“

Eine Mutter, deren Rolle sich mit der fortschreitenden Entwicklung ihres Kindes ändert, schmeißt ihr Kind nicht weg, wenn es endlich auf eigenen Beinen steht. Sie ist erfüllt von Liebe und Stolz, auf ihr Kind und gleichermaßen auf sich selbst. Eine beste Freundin, die erkennt, dass es an der Zeit ist, jemand anderem den Vortritt zu gewähren, kann sich guten Gewissens aus einer Beziehung zurückziehen, ohne Besitzansprüche geltend machen zu müssen. Ein Partner, der erkennt, dass er sich nicht im gleichen Tempo entwickelt, wie sein Gegenstück, kann ohne Bedenken Zeit für sich und seine Baustellen beanspruchen.

Loslassen heißt nicht, alles zu vergessen. Loslassen heißt nicht, Gewesenes zu ignorieren. Loslassen hat damit zu tun, dass man die Tatsache, dass eine Beziehung eine andere Form annimmt, Stück für Stück akzeptieren kann. Stück für Stück, denn die Dosis macht das Gift. Wer sich bei einem Veränderungsprozess mehr vornimmt, als er verpacken kann, wird höchstwahrscheinlich so oder so zurückgeworfen. Wer Gefühle einfriert und darüber wegarbeitet, wird früher oder später dennoch von schmerzlich piksenden Erinnerungen eingeholt. Sei es ein bestimmter Geruch, ein bestimmter Song oder irgendein anderer Trigger – alles möchte verarbeitet werden. Alles zu seiner Zeit.

Du bist nicht Ich. Ich bin nicht Du.

Die Angst vor dem Loslassen ist nicht selten darin begründet, dass man sich über bestimmte Aspekte der Beziehung definiert, anstatt über das eigene Tun und das eigene Wesen. Lässt man final los, ist man zuerst einmal konfrontiert mit der Ungewissheit, ob jene vermeintlich sicheren Netze oder doppelten Böden je wieder greifen. Wer wirklich loslässt, erkennt, dass er jene Sicherheitsvorkehrungen gar nicht benötigt, vielleicht nie benötigt hätte. Er erkennt, dass er sich selbst genug ist und in der Lage dazu, in seine Fähigkeiten und Wesenszüge uneingeschränkt zu vertrauen. Eine damit einhergehende faszinierende Steigerung der eigenen Authentizität ist noch ein kleines Extra-Bonbon.

Fazit: Auch wenn es ein große Portion Mut und Selbstbeherrschung erfordert, ist das Annehmen von Veränderung, ein Schlüssel zum Glück. Wenn Dir danach ist, Du genug Kraft gesammelt hast, Dich dazu im Stande fühlst, mach achtsam die Leinen los und vertraue ins Leben. Die Menschen, die dich auf deinem Weg in deinem Tempo begleiten sollen, hast du getroffen, triffst du gerade und wirst du noch treffen.

Alles Liebe, Janna

 

„And you? When will you begin that long journey into yourself?“ (Rumi, persischer Poet, 1207-1273)

Ein Gedanke zu „Von der Angst, loszulassen

  • 11. Februar 2016 um 8:50
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    Ein wirklich guter Text der zum nachdenken anregt und hilft zu spüren daß man nicht alleine ist. Loslassen geht tiefer als alles andere denn der Punkt an dem man es tut hinterlässt immer auch eine tiefe Wunde die erstmal heilen muss. Es ist wie ein Pflaster: Man kann sich nicht entscheiden ob man es schnell abreisst oder lieber langsam und vorsichtig. An manche Dinge hat man sich gewöhnt und lässt deswegen nicht los. Man hält sie fest weil sie zu einem gehören wie ein Arm oder ein Bein. Man spürt irgendwann das Gewicht nicht mehr. Aber es erleichtert los zu lassen, etwas gehen zu lassen, auch wenn es schwer fällt. Die Überwindung allerdings kostet Zeit, Schmerzen und erzeugt oft ein Gefühl der Hilflosigkeit denn letztlich ist man in seinem Tun ja immer allein…irgendwie.
    Danke Janna

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