Nicht gestern, nicht morgen – JETZT!

 

Heute wollte ich lehren, stattdessen wurde ich belehrt. Es stand mein Seminar zum Thema Geraderichtung am EQUInsitut in Kiel an. Konzentriert hatte ich wie bei jedem Seminar die Tage zuvor meine Reitliteratur durchgearbeitet, mir Übungen zu der Thematik überlegt und meine Pferde mit besonderem Augenmerk darauf trainiert. Als ich das fertige 10-seitige Skript las, war ich zufrieden mit meiner Vorbereitung. Rein nach meinem Bauchgefühl sollte es ein inhaltlich in Theorie und Praxis eine richtig schöne, runde Sache werden. Ein Seminar eben, bei dem jeder Teilnehmer etwas mitnehmen kann und aktiv eingebunden ist. Zudem freute ich mich darauf, nicht nur mit meinen Pferden vor Publikum an diesem Thema zu arbeiten, sondern auch darauf, dabei von einer meiner Schülerinnen und ihrer Stute unterstützt zu werden.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Kurz bevor ich meine Pferde verladen wollte, bemerkte ich, dass mir der Schlüssel zum Anhängerschloss fehlte. Nach einigem Suchen und fieberhaftem Überlegen, fiel mir ein, dass ich ihn nur versehentlich in einem anderen Auto vergessen haben konnte, welches mittlerweile drei Orte weiter stand. So war es auch. Bis ich den Schlüssel in den Händen hielt, war eine Dreiviertelstunde vergangen. Will heißen: Obwohl ich es absolut hatte vermeiden wollen, war ich nun doch in Zeitnot geraten. Diese Dringlichkeit verursachte in mir ein wenig Unruhe. Schließlich wollte ich meine Seminarteilnehmer nicht warten lassen.

Wenn es jedoch eines gibt, was beim Verladen meines Wallachs Odyn, unangemessen ist, dann ist es Unruhe. Anders als bei den Trainingseinheiten in den vergangenen Wochen, beantwortete er meinen Blick auf die Uhr mit sofortiger Skepsis. „Unter diesen Umständen wird das nichts“, dachte ich. Selbst wenn es natürlich kein physischer Druck war, mit dem ich mein Pferd in den Hänger bat, reichte allein der ZeitDRUCK in meinem Hinterkopf. Was bisher einwandfrei auf Gertenzeig funktioniert hatte, drohte zu kippen. Einfach wie immer hinaufspazieren, Stange schließen und losfahren war heute in so knapper Zeit nicht möglich.

Im Hier und Jetzt

Und in diesem Moment fällte ich eine Entscheidung. Ich hatte das letzte halbe Jahr immer wieder mit dem Verladetraining von vorne begonnen, weil ich mich, um das Pferd auf den Seminaren zeigen zu können, auf Kompromisse eingelassen hatte. Meinen roten Faden hatte ich wiederholt hinten angestellt und stattdessen getrickst, sei es mit Futter oder einem Überraschungseffekt. Wäre ich mein Pferd, würde ich allerdings auch nicht gern ausgetrickst werden, nur weil ich irgendwo anders mein Können unter Beweis stellen soll. Ich würde mir eine ehrliche Beziehung zu meinem Partner Mensch wünschen, eine Basis auf die ich bauen kann, eine Verlässlichkeit, die aus Herausforderungen Routine macht. Aber Pustekuchen, das hatte ich meinem Wallach bisher in dieser Hinsicht zu wenig geboten.

Ich hatte stattdessen den Seminarteilnehmern etwas bieten wollen. Ich hatte sie mit aller Kraft überzeugen wollen, davon, dass man Pferde anders reiten kann. Kurz gesagt: Ich habe die Meinung meiner Kunden über mein Pferd gestellt. Und das geht nicht, nicht mit Odyn. Es ist auch schlicht und ergreifend falsch. Heute entschied ich daher, nicht wieder das Training abzubrechen und ohne ihn zu fahren oder ihn heraufzulocken ohne, dass er genau weiß was kommt. Ich entschied mich für mein Pferd. Zwei bedeutsame Fragen von Bent Branderup hallten in meinem Kopf: „Wer bist du in den Augen deines Pferdes? Für wessen Augen reitest du?“

Unsere Verbindung an 1. Stelle

Das ist genau der Punkt. Schlussendlich bin ich nur mir selbst und meinem Pferd Rechenschaft schuldig. Es tat gut, das zu fühlen. Mit dieser Entscheidung sagte ich das Seminar ab und verbrachte so viel Zeit mit meinem Odyn im Hänger, wie es eben brauchte. Mir wurde klar, dass es natürlich meine Aufgabe war, meinem Pferd stressfreies Verladen beizubringen, aber viel mehr noch, mir selbst beizubringen, mein Pferd stressfrei verladen zu können. Alles, was ich noch nicht gelernt habe, möchte ich lernen. Wie wertvoll, dass mein Pferd mir dieses Thema als Lernaufgabe gibt. Zuvor hatte ich mich darin nur wenig fortgebildet. Es hatte nie einen Grund gegeben.

Immerhin konnte ich aufgrund dieser Herangehensweise am Ende ganz alleine das gewohnte Ergebnis in aller Entspanntheit wieder herstellen und war mir dem Vertrauen zwischen Odyn und mir deutlich bewusst. Ein wichtiger Punkt also: Es reicht nicht das eigene Verhalten zu reflektieren und trotzdem wiederholt denselben Fehler zu machen, nur weil irgendwelche Umstände dazu verlocken. Es braucht das entsprechende Handeln im Jetzt, um zu wachsen. Egal, was drumherum passiert, wer wartet oder was für Abstriche in anderen Bereichen man dafür machen muss. Zusätzlich schadet eine gewisse Portion Unabhängigkeit auch nicht. So tausche ich kommende Woche meinen Golf gegen einen Jeep, damit ich mit meinen Pferden das Verladen und Fahren üben kann, ohne die Hilfe anderer in Anspruch nehmen zu müssen.

Verdient hätte ich beim heutigen Seminar nichts, denn mein Honorar hätte ich spenden wollen. Momentan und in Zukunft gibt es in unseren Reihen viele Menschen, die es nötiger haben als ich. Menschen, die vor dem Nichts stehen, wenn sie überhaupt noch stehen können. Als Ausweichtermin ist daher der 03.Oktober 2015 bereits terminiert. Abschließend entschuldige ich mich aufrichtig bei meinen Seminarteilnehmern für die Unannehmlichkeiten. Habt Dank für Euer Verständnis. Wer meine heutige Entscheidung nachvollziehen kann, war, ist und bleibt, einer der Pferdemenschen, in deren Gesellschaft ich mich so wohl fühle. Und dir, liebe Julia, 1000 Dank, dass du uns so begleitest. Ich habe heute viel von dir gelernt und wünsche mir keinen anderen Verladetrainer.

Alles Liebe, Janna

„For love to flourish, the light of your presence needs to be strong enough.“ (Eckart Tolle)

2 Gedanken zu „Nicht gestern, nicht morgen – JETZT!

  • 6. September 2015 um 0:10
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    Nun muss das mal jemand sagen:
    Mit emotional umwickelten Worten, die den zukünftigen Kunden „tief im Innersten“ berühren sollen, solch einen Bockmist dann auch noch anerkannt zu bekommen („der Fehler wurde ja selbst erkannt-und selbstlos gelöst“) ist ja wohl nicht ernsthaft das Ziel?!?
    Eine Folge von mangelnder Vorbereitung und adäquatem Training sind hier der Fall. Wer ein Seminar außerhalb anbietet, sollte ja wohl mindestens sein Pferd verladen können. Geld dafür verlangen mit angeblicher Fachkompetenz ein Pferd auszubilden und die Basis am eigenen (nicht selbst ausgebildetem) Einhorn? Nicht vorhanden!

    Das dann über die Tränendrüse („ich hätte ja eh gespendet“) zu entschuldigen ist absolut unprofessionell. Nimm doch lieber deinen Hänger, packe das bestimmt im Überfluss vorhandene Obst und Gemüse für deine Einhörner ein und bringe das zu den angedeuteten Flüchtlingen. Dann müssen weder Leute die was lernen wollen, noch dein Pferd oder bedürftige Menschen unter deiner mangelnden Basisarbeit leiden und der Hänger erfüllt einen guten Zweck.

    Antwort
    • 8. September 2015 um 11:42
      Permalink

      Liebe Anke,
      Ich gehe davon aus, dass wir uns persönlich nicht kennen. Zumindest geben Sie keinen Nachnamen an, sodass ich Sie zuordnen könnte. Diese Internetpräsenz habe ich, um meine Gedanken zur Pferdeausbildung wie auch zu anderen Aspekten meines Lebens zu publizieren. Ich schreibe hier, über Dinge, die mich bewegen. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, was mich dazu motiviert, dürfen Sie dies gerne unter der Rubrik „Über die Autorin“ nachlesen. Sie haben recht, es ist in keinster Weise mein Ziel, mit, wie Sie es beschreiben, „emotional umwickelten Worten, den zukünftigen Kunden ‚tief im Innersten‘ zu berühren, um solch einen Bockmist dann auch noch anerkannt zu bekommen“. Ich wiederhole mich noch einmal: Es sind meine Empfindungen, die ich beschreibe und an denen ist nichts richtig oder falsch. Für meinen Geschmack wird über Empfindungen in unserer (Reit-)Kultur nur schlichtweg zu wenig gesprochen. Ich beschreibe hier keine Dogmen. Niemand muss meinen Blog lesen oder das Geschriebene für moralisch richtig halten, aber jeder darf es. Selbstverständlich entschuldige ich mich bei meinen Seminarteilnehmern für diesen Zwischenfall, bin ihnen aber darüber hinaus auch eine Erklärung schuldig, die ich hiermit abliefere. Ich finde es beeindruckend, dass Sie, wo immer Sie auch waren, als Sie den Kommentar verfassten, offenbar rückblickend per Ferndiagnose mein Pferd, mich, unseren Trainingsstand am Samstag den 05.09. um 15:45h und meine Fachkompetenz einzuschätzen wissen, und dass, ohne dass wir beide uns je begegnet sind. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege. Ihre zweite Anmerkung zur Flüchtlingshilfe finde ich offen gestanden dreist und pietätlos. Sie zeigt mir allerdings auf, dass ich so hinterrücks wie Sie noch nicht einmal denken kann. Wenn Sie oben genannte Aspekte so gut einzuschätzen vermögen, dass Sie es hier in diesem Tonfall publizieren, sollten Sie mit Ihrer Gabe ebenso mein mit Sachspenden randvoll geladenen Golf und die Spendendose für das EQUInstitut wahrnehmen können.

      Wenn meine Worte Sie so betreffen, sprich emotional berühren, wovon ich ausgehe, wenn ich einen emotional so geladenen Kommentar unter meinem Artikel lesen und genehmigen darf, sollten wir vielleicht einmal miteinander sprechen. Da ich von Ihnen keine Kontaktdaten habe, kann ich nur anbieten, dass Sie mich unter 017653817625 telefonisch kontaktieren. Einen weiteren Kommentar dieser Art werde ich nicht genehmigen. Mit herzlichen Grüßen, Janna Behrens

      Antwort

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