Inventur mal anders

Ich denke in einer Sache sind wir uns einig: Im Umgang mit Pferden kann der Mensch zwischen 1001 Möglichkeiten wählen – sei es im Hinblick auf Trainingsphilosophien, Behandlungsmethoden, Haltungsformen, Futtermittel et cetera pp. Dies birgt zum einen die Chance, jedes Pferd so individuell zu betreuen, wie wohl selten zuvor, zum anderen die Gefahr, sich selbst in der Fülle des Angebots zu verlieren.

Wir bekommen nicht nur die Option, uns umfangreicher fortzubilden, wir wollen sie auch nutzen, um überlegter handeln zu können. Im gleichen Atemzug keimen jedoch Zweifel auf, ob wir uns wirklich ein jedes Mal für den richtigen Weg entscheiden. Insbesondere, wenn es das Pferd buchstäblich einmal nicht einhundertprozentig „rund“ läuft, tendieren einige Menschen dazu, den Mut und die Euphorie zu verlieren und sich zurückzuziehen. Dies ist allerdings keineswegs im Sinne des Pferdes. Ganz im Gegenteil: Unsere Tiere arbeiten Tag für Tag willig mit, erdulden jede Technik, Methode oder Form, die wir ausprobieren und geben, dem der hinhört, ehrliches Feedback. Da ist es aus meiner Sicht unsere Verpflichtung, nicht auf halber Strecke schlapp zu machen und hinzuschmeißen, sondern im Sinne des Pferdes durchzuziehen.

Gedankliche Grenzen: Das Hindernis auf dem Weg

Häufig setzen wir die Grenzen unseres Handelns selbst. Wir sind mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert und werden immer wieder aufs Neue gefordert, unsere Emotionen und unser Kopfkino in den Griff zu bekommen. Davon ist zumindest zu Beginn nicht Jedermann gleichermaßen angetan. Schnell kommt stattdessen Bequemlichkeit auf und unnütze Gedanken gewinnen Überhand. Eine Problematik nach der anderen wird identifiziert und nur allzu gern bis ultimo diskutiert. Ganz von alleine schwenkt der Fokus von Arbeitseifer und Interesse am eigenen Pferd um auf Disharmonie und Schwere. Man ist automatisch damit beschäftigt, die Abwärtsspirale vorzuprogrammieren.

Nur ganz ehrlich: Was nützt das dem Pferd? Dem Pferd sind solche Gedanken fremd. Es ist während meines Unterrichts vorgekommen, dass entsprechende Vierbeiner den Dienst verweigerten, bis der dazugehörige Mensch entsprechend Konzentration gesammelt hatte und seine Arbeit mit positiver Energie fortführen konnte. Was für ein Geschenk vom Partner Pferd! Binnen Sekunden gelingt es ihm, dem Menschen aufzuzeigen, wie hemmend ein verwirrter Geist und wie bestärkend Optimismus ist.

Hiergeblieben!

Daher kann ich nur raten: Bleib am Pferd! Schau nicht weg und such auch keine Hintertür, sondern frag Dich doch mal: Was läuft eigentlich gerade alles gut? Okay, vielleicht hapert es hier und da. Na und? Was habt Ihr alles schon zusammen geschafft, dein Pferd und Du? Vielleicht kannst du die folgenden Fragen mit „Ja“ beantworten:

  • Lässt dein Pferd sich von dir überall berühren?
  • Lässt dein Pferd sich seinem Ausbildungsstand entsprechend halftern, zäumen oder satteln?
  • Kannst du dein Pferd beruhigen, wenn es Verunsicherung anzeigt?
  • Erkennst du es, wenn dein Pferd sich krank fühlt?
  • Kannst du Trainingseinheiten positiv beenden?

Ja? Dann bist du vielen Reitern schon etwas voraus! Möglicherweise gibt es noch viele weitere Fragen, die Du bejahen kannst. Mach doch mal eine positive Inventur der Entwicklung eurer Beziehung. Das verleiht Flügel 🙂

Und wenn du dennoch einmal deine Euphorie flöten gehen siehst, finde in dem Moment den kleinsten gemeinsamen Nenner von Dir und deinem Pferd. Baue auf diesem Stand auf, auch wenn es vermeintlichen „Rückschritt“ bedeutet. Weiche nicht davon ab. Sieh es nicht als Stagnation der Entwicklung, sondern stell dir die richtige Frage: Was kannst du daraus in dieser Situation lernen? Eine Antwort kommt Dir sofort in den Sinn. Also:

  1. Kopf hoch
  2. Locker bleiben
  3. Lächeln!

Und achte auf deine Gedanken! In diesem Punkt darfst Du gerne streng mit Dir sein 😉

Alles Liebe, Janna

Fotorechte: Andreas Thomsen

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