Einem geliehenen Gaul schaut man nicht ins Maul

Brydee, Lehrpferd der Schule für Reitkunst, mit ihrem Besitzer und Ausbilder Marius Schneider vom Reitzentrum Gestüt Moorhof in Lüdinghausen

Einem geliehenen Gaul schaut man ins Herz. Sei es im Urlaub beim Strandausritt, beim Unterricht auf einem Lehrpferd oder im täglichen Umgang mit der Reitbeteiligung – oft greifen wir auf Pferde zu, die nicht unser Eigentum sind. Pferde, die neben uns als Reiter noch mit anderen Menschen arbeiten und zu denen wir keine solch enge Bindung haben, wie jene anderen Menschen sie haben. Pferde, für die es einen Unterschied macht, ob wir uns zwischendurch einmal mit ihnen beschäftigen oder der feste Besitzer seinen Bezug zum Tier durch täglichen Kontakt festigt. Daher stellen sich bei der Arbeit mit Leihpferden einige Fragen:

  1. Welche Erwartungen haben wir an das unbekannte Tier?
  2. Zu welchem Zweck reiten wir es?
  3. Und unter welchen Umständen beurteilen wir seine Leistung?

Buchen wir eine Unterrichtseinheit auf einem Lehrpferd, sind wir vorab meist grob darüber informiert, auf welchem Ausbildungsstand das Tier sich befindet. Im Idealfall ist es unseren technischen Fähigkeiten weit voraus und kann uns dadurch Zugang zu bisher unbekannt feinen Reitmomenten verschaffen. Dies passiert allerdings keinesfalls ausschließlich beim Abfragen namhafter Lektionen wie Piaffen, Passagen oder Pirouetten, sondern in jenen Momenten, in denen man sich auf die Suche nach dem Wesenskern des geliehenen Pferdes macht. Sollten wir unsere großen Erwartungen daher vielleicht nicht eher an unser Feingefühl richten als an das Absolvieren bestimmter Lektionen?

Die Frage nach den Erwartungen an ein geliehenes Pferd ist direkt verknüpft mit der Frage nach dem Zweck. Ist es unsere Aufgabe, das fremde Pferd als Ausbilder zu bereiten oder buchen wir eine Reitstunde auf dem Tier? Oder gibt es vielleicht gar keine Aufgabe und wir wollen einfach einen entspannten Ausritt auf einem Leihpferd erleben? Dies sind drei vollkommen unterschiedliche Ausgangssituationen, in denen wir dem Pferd gegenüber entweder in die Rolle des Lehrers, des Schülers oder des Passagiers schlüpfen dürfen. Den Zweck der gemeinsamen Zeit zuvor zu definieren und währenddessen nicht aus den Augen zu verlieren, ist entscheidend für den Erfolg, denn er bestimmt unsere Herangehensweise an das fremde Tier.

„Denken ist schwer. Darum urteilen die Meisten.“ (Carl Gustav Jung)

Wenn die gemeinsame Zeit erst verstrichen ist und wir Resümee ziehen wollen, gilt es umso mehr objektiv zu bleiben. Häufig genug kommt es vor, dass wir Menschen dazu tendieren, Vergleiche zu anderen Pferden zu ziehen, sobald wir die Leistung eines geliehenen Pferdes beurteilen. Kaum jemand ist in der Lage, ein einzelnes unbekanntes Pferd so differenziert ein- und wertzuschätzen, wie es ihm gebührt. Aber fragen wir uns doch mal ehrlich: Sind wir mit dem Pferd so gut bekannt, als dass wir beurteilen können, ob es sich williger, freundlicher oder verlässlicher als sonst gezeigt hat? Und sind wir nicht nur zufrieden mit der körperlich erbrachten Leistung sondern vor allem damit, dass Pferd und Mensch, die Möglichkeit bekamen, sich aufeinander einzulassen?

Wenn wir unzufrieden sind, sind wir es dann nicht vielleicht eher mit unserer eigenen Unfähigkeit, die Chance entsprechend genutzt zu haben? Falls etwas nicht funktionierte, haben wir dann nicht rückblickend vielleicht gar nicht unbedingt zu hohe Erwartungen an das Pferd, sondern an uns selbst gehabt? Die Möglichkeiten, auf fein ausgebildeten Lehrpferden reiten zu dürfen, sind heute rar. Umso sorgfältiger und achtsamer sollten wir sie für unseren eigenen reiterlichen Werdegang nutzen. Damit dies gut gelingt, können wir uns eines merken: Lasst uns in der Arbeit mit Pferden zuerst unsere eigenen Erwartungen und Leistungen beurteilen und anschließend daraus Rückschlüsse auf die dargebotene Leistung des Pferdes ziehen. Schließlich wäre es töricht, den Einfluss, den wir durch unser Handeln und Denken auf Pferde nehmen, zu unterschätzen.

2 Gedanken zu „Einem geliehenen Gaul schaut man nicht ins Maul

  • 14. Dezember 2014 um 18:46
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    Liebe Janna,

    danke für Deine Gedanken. Töricht wäre es auch, die Intelligenz der Pferde zu unterschätzen. Ich bin der Meinung, dass wir nur zu leicht Gefahr laufen, die Intelligenz der Pferde zu beleidigen, indem wir sie zu Befehlsempfängern degradieren und sie mit nicht enden wollenden Wiederholungen langweilen. Wenn wir ihnen aber zuhören und achtsam genug sind, ihre Botschaften zu verstehen – ja dann tun sich neue Welten auf, dann ist gemeinsames Spiel und gemeinsame Freude möglich.

    Ich freue mich auf kommende Beiträge.

    Liebe Grüße
    Karin

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  • 14. Dezember 2014 um 22:54
    Permalink

    Vielen dank für diesen Text, von dem ich mich sehr angesprochen fühle. Ich habe eine Reitbeteiligung an einer Traberstute und stecke gerade in einer Phase, wo ich Zweifel habe, mir auch mal wieder wünsche, ein weiter ausgebildetes Pferd zu reiten, um selbst lernen zu können. Ich stand einmal sogar kurz davor, die Stute aufzugeben und mir etwas neues zu suchen – nur um zu merken, dass mir das nicht so leicht fallen würde, wie ich zwischendurch dachte.
    Ich hatte schon ein Traumpferd probe geritten, einen Spanier, der bis zur Piaffe ausgebildet und auch noch brav im Gelände ist. Meine Freunde halten mich bestimmt für verrückt, dass ich dessen Besitzerin schweren Herzens abgesagt habe, weil ich die Traberstute nicht aufgeben wollte. Zu dankbar bin ich diesem Pferd für das, was ich von ihr gelernt habe: nicht so ängstlich sein, auch mal loslassen und vertrauen können.
    Man kann von jedem Pferd etwas lernen – wenn vielleicht auch nicht immer genau das, was man zu Beginn der gemeinsamen zeit erwartet.

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