Dein Pferd ist deine Chance

Es spielt oft keine Rolle, ob wir das eigene Pferd seit 14 Jahren oder seit 14 Tagen besitzen. So oder so entstehen Situationen, in denen das geliebte Tier uns an unsere Grenzen bringt. So bemüht wir auch sein mögen, unsere Launen im Griff zu halten – Manchmal bringt die Zusammenarbeit mit Pferden Seiten an uns zum Vorschein, die wir am liebsten sicher in unserer persönlichen, inneren Dunkelkammer eingesperrt gelassen hätten.

Nicht nur während der gerittenen Arbeit, sondern besonders während der anfänglichen Arbeit am Boden zeigen unsere Vierbeiner uns die Grenzen unserer Ausdrucksfähigkeit auf. Da dem Menschen zugewandte Pferde an sich auf jede noch so feine Bewegung unsererseits reagieren, bekommen wir für jede unbewusste Handlung die Quittung. Eine unachtsam gehobene Gerte, eine unbedachtes Eindrehen des Oberkörpers oder eine ungewollte Richtungsänderung unserer Füße auf dem Reithallenboden – das Pferd reagiert, sofern es noch nicht gelernt hat, wegzuhören.

Ungewünschte Reaktionen als Hinweis verstehen

Haben wir diese Reaktion nicht beabsichtigt, deuten wir es zunächst als Fehlverhalten des Pferdes. Nehmen wir beispielsweise ein Pferd, was seinem Besitzer immer zu nah kommt, ihm in die Taschen kriecht und schlichtweg nicht aus dessen Tanzbereich weichen will. Der dazugehörige Mensch versucht auf unterschiedlichste Art das Tier von sich wegzuschicken und doch sieht er sich ein ums andere Mal damit konfrontiert, dass das Tier wieder einen Weg fand, die vom Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten.

Solche Beispiele finden sich gern bei Menschen, denen es grundsätzlich schwer fällt, ausreichend Raum für sich zu beanspruchen. Menschen, die andere aus vermeintlicher Rücksichtnahme näher an sich heranlassen, als es ihnen eigentlich lieb ist. Das geht gut, bis sie merken, dass sie sich bedrängt fühlen und das eigentlich schon länger. Die gewünschte Individualdistanz ist dann schwierig wieder herzustellen, denn sie wollen dem anderen ja auch nicht vor den Kopf stoßen. Um die ungewollt entstandene Nähe dann jedoch zügig zu beenden, wird der Mensch nicht selten grob oder unwirsch. Und schwups, da ist sie: Die Seite an uns, die wir so gar nicht mögen.

Das Pferd als Psychologe

Zu erkennen, dass wir, um bei diesem Beispiel zu bleiben, früher und souveräner unseren Raum in Besitz hätten nehmen müssen, um der Konfrontation vorzubeugen, ist unangenehm, aber sehr heilsam. Manchmal nehme ich Schülern in diesem Moment der puren Selbsterkenntnis behutsam das Pferd ab und gebe ihnen die Möglichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wir müssen uns Zeit nehmen zu begreifen, was genau uns in die Anspannung bringt. Nehmen wir uns eine Pause, um aufzusplitten, was die Ursache unserer Emotion ist, erhöhen wir die Chancen, ganz rational darüber urteilen zu können.

Unser Pferd hat uns durch seine Reaktion den Anlass gegeben, uns zu überdenken. Danach ist es ist nun an uns, das eigene Verhalten entsprechend unserer Idealvorstellung von uns selbst anzupassen. Also nochmal: Dein Pferd ist deine Chance! Eine Chance, die genutzt werden will. Eine Chance, die erst auf ganz charmante, dann langsam auf immer deutlichere Weise nach deiner Aufmerksamkeit fragt. Solange, bis du begreifst, dass du durch genutzte Chancen über dich hinauswachsen kannst. Und dann wirst du erkennen, wie viel Spaß es machen kann, gemeinsam mit deinem Pferd aus der eigenen Komfortzone zu streben.

Die Pferde zeigen uns gleichzeitig so fein und prägnant unsere Unzulänglichkeiten auf, wie es sonst in unserem Leben die wenigsten Mitmenschen tun. Sei dankbar! Dankbar dafür, dass du in diesem Rahmen die Selbsterkenntnis gratis und frei Haus zum Mitnehmen bekommst. Wenn du etwas daraus machst, wird nicht nur dein Pferd dir dankbar sein. Ein erhöhtes Maß an Achtsamkeit und Souveränität werden auch deine Mitmenschen zu schätzen wissen.

Foto: Die Autorin mit P.R.E.-Hengst Jubiloso (im Besitz von Marie-Christine Cammas)

Fotorechte: Karin Erichsen

3 Gedanken zu „Dein Pferd ist deine Chance

  • 19. Dezember 2014 um 10:19
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    Wow, da weiß man wieder, dass man sich an die eigene Nase packen muss. Manchmal ist es garnicht leicht herauszufinden, woran es liegen kann, wenn es gerade nicht so läuft, wie man es sich vorstellt.

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  • 19. Dezember 2014 um 19:07
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    Ich habe sehr lange gebraucht um dies zu verstehen und letztendlich auch umzusetzen. Aber gerade heute hatte ich wieder einen solch tollen moment und bin unendlich dankbar von meinem pferd lernen zu dürfen.

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  • 18. Januar 2015 um 17:11
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    Ich hab mich hier gleich wieder erkannt.
    Aber dennoch kann ich meinem Pony nicht wiederstehen, (ich weiß, selber schuld)
    wenn ich ihn Zwei Tage nicht gesehen hab und er dann mit seiner Schnute kommt und mich begrüßt und das dann über das Putzen hinaus macht….
    Manchmal würde ich ihn gerne bescheid geben, ohne die Hand zu heben, um ihm zu vermitteln, dass nun genug sei.
    Wir Beide sind nun schon seit seiner Geburt zusammen, das sind mittlerweile fast 17 Jahre und ich versuche immer noch mit ihn zu kommunizieren, so wie zb Frèderéric Pignon, der mein absolutes Vorbild ist
    LG Malle und Pony Silas

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