Bis irgendwann nur noch der Kopf reitet…

Es ist meiner Einschätzung nach eines der größten Sprungbretter und gleichzeitig eine der größten Gefahren für einen Reiter: Das Fachwissen. Der ein oder andere Leser mag nun vielleicht den Kopf schütteln und sagen: „Wie kommt die denn darauf? Es ist doch allemal besser, Ahnung von dem zu haben, was man tut, als aus lauter Unwissenheit einen Fehler nach dem anderen zu machen!“ Dem gebe ich Recht. Wissenslücken limitieren uns in unserer Arbeit mit Pferden und damit in der Arbeit mit uns selbst. Und trotzdem: Sollten wir nicht in gewisser Weise davor auf der Hut sein, uns irgendwann rein aus Wissendurst mit den Finessen der Pferdeausbildung zu beschäftigen? Sollten wir nicht penibel Acht darauf geben, dass wir das ungezwungene Zusammensein mit dem Tier zu jeder Zeit als höchste Priorität erachten?

Denn hat der Reiter erst einmal die Neugier für eine artgerechte und ganzheitliche Pferdeausbildung in sich geweckt, so weiß er sowieso, jener Einschränkung durch Unwissenheit Abhilfe zu schaffen. Es ist ganz einfach: Man bezieht den Rat namhafter Ausbilder in das eigene Training mit ein, liest sich schlau und tauscht sich face-to-face oder online mit Gleichgesinnten aus. Plötzlich hat man wieder neue Ideen und enttarnt die eigenen Wissenslücken. Diese werden sogleich durch weiteren Reitunterricht, das Studieren von Literatur oder die Teilnahme an entsprechenden Seminaren gestopft. Stück für Stück wird man so zum wissenden Reiter. Grundsätzlich ein großartiger Erfolg.

Und dennoch könnte man Bedenken daran äußern. Bekanntlich ist es nicht allein unser Kopf und unser Wissen mit dem wir unsere Pferde reiten. Wenn wir in der Theorie lernen, die Hinterbeine des Pferdes mittels unserer Hilfengebung zu beeinflussen, das Pferd in der Ausrichtung seiner Schultern exakt zu positionieren oder den Rahmen seiner Bewegungen durch unsere Einwirkung genau vorzugeben, laufen wir gleichzeitig Gefahr, einen jeden Schritt des Pferdes kontrollieren zu wollen. Weil wir es können… Ebenso wichtig, wie zu lernen, das Pferd zwischen den Hilfen zu führen, ist es allerdings, zu lernen, wann die Hilfen auszusetzen sind, damit das Pferd eine Möglichkeit bekommt, eigenständig zu arbeiten.

Balance zwischen Handeln und Denken

Letztlich ist es zu einem großen Anteil, wenn nicht sogar zu dem größeren Anteil unsere Intuition, unser Bauchgefühl, das Gespür unseres Herzens, was uns mit dem Pferd weiter bringt. Nicht selten kommt es vor, dass man Kindern beim Reiten zusieht und erstaunt ist über ihre derart natürliche Verständigung mit dem Tier. Und das, obwohl die Kleinen weder seit Jahren eine qualifizierte Reitausbildung genießen, noch ihre gesamte Freizeit hindurch ihre kleinen Nasen in dicke Wälzer über Pferdeausbildung stecken. Und was steckt dahinter: Die Jüngsten unter uns Reitern streben nicht nach kontinuierlicher Verbesserung, sondern reiten aus Spaß an der Freude.

Wie immer ist das Gleichgewicht beider Seiten die gesunde Mischung. Damit meine ich das Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Ausbilden und Geschehen lassen. Es hilft keinem Pferd weiter, wenn das theoretische Wissen zwar im Hirn des Reiters angekommen ist, aber vom ihm noch nicht mittels seines Körpers ausgedrückt werden kann. Ebenso wenig dienlich ist es, wenn der Reiterkörper sich aller Hilfen exakt bedienen kann, sie aber nicht sinnvoll verwendet. Also machen wir doch mal Inventur bei uns selbst. Sind unsere technischen Fähigkeiten, sich dem Pferd verständlich zu machen ebenso weit ausgereift wie unser Fachwissen? Können wir ebenso gut mitteilen wie zuhören? Wenn ja, dann weiter so. Entwickeln wir doch beide Bereiche zu gleichen Anteilen weiter. Wenn nicht, dann empfiehlt es sich an eben der Seite zu arbeiten, die Nachholbedarf signalisiert.

Pferd, Freude und Feeling

Ab und an ist es sehr förderlich, sich auf dem Pferd eine mentale Auszeit zu gönnen, sich zurückzuerinnern an die unbeschwerte Art der Reiterei als Kind und sich am besten mit geschlossenen Augen einzig auf die körperliche Wahrnehmung zu konzentrieren, um den Kopf für eine halbe Stunde auszuschalten. Denn auch, wenn ein gewisser Grad an Ansporn und Ehrgeiz grundsätzlich motivierend sein kann, so hat er im Jetzt und Hier mit dem Pferd wenig verloren. Viel zu groß und vereinnahmend wäre die Gefahr, zu verbissen zu werden und wahrlich ritterliche Werte aus den Augen zu verlieren. Also loslassen, Neues erfahren, behutsam voran gehen und Danke sagen. So werden wir zum Schüler unseres Pferdes, um beim nächsten Ritt ein besserer Reiter sein zu können. Freuen wir uns darauf!

„A good head and a good heart are always a formidable combination.“ (Nelson Mandela)

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